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Jan Koneffke
Die differenzierte Kriminalstatistik

Prozentzahlen können richtig und irreführend zugleich sein. Was eine Statistik aussagt, ist oft Anlass für ideologische Debatten. Was sie hingegen nicht aussagt, sollte außer Streit stehen. In Bezug auf die deutsche polizeiliche Kriminalstatistik etwa die Tatsache, dass diese grundsätzlich nur strafrechtlich relevante Sachverhalte aufführt, die der Polizei bekannt wurden. Juristisch sind diese damit noch nicht bewertet. Und: Staatsschutz- und Verkehrsdelikte sind darin ebenso wenig erfasst wie Finanz- und Steuerdelikte oder Straftaten, die außerhalb der Bundesrepublik Deutschland begangen wurden. Aufmerksame Leser:innen der Süddeutschen Zeitung haben in Bezug auf deren Berichterstattung zur kürzlich öffentlich gemachten aktuellen deutschen Kriminalstatistik die Journalist:innen ihres Blattes eindrücklich ermahnt, mehr relativierende Vorsicht bei der Interpretation von Prozentzahlen walten zu lassen. Von „verzerrungsfreier“ Auslegung weit entfernt ist – insbesondere in Vorwahlzeiten – aber auch so manche (partei)politisch motivierte Forderung nach mehr statistischer Differenzierung. Jan Koneffke ließ sich davon satirisch inspirieren und findet: Da geht noch mehr!

Der Innenminister des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, bekannte dieser Tage in einer Talkshow, glücklich zu sein, sich von seinen Skrupeln befreit zu haben: Nun stehe in der Kriminalstatistik schwarz auf weiß, wie viele Straftaten von Ausländern begangen werden! Denn zu verschweigen, dass deren Anteil an Delikten höher sei als der Anteil deutscher Gesetzesbrecher, nutze nur der AfD.
Es wurde in der Sendung überhaupt viel vor Pauschalisierungen gewarnt und Differenzierung angemahnt. Differenzierung – das war wohl das Zauberwort. Schon Eichendorff wusste, dass mit dem Zauberwort, wenn man es nur trifft, die Welt zu singen anhebt. Nun sang auch Minister Reul gerührt von seiner alten Idee, bei Straftaten gleich noch die Nationalität des Verbrechers mitanzugeben. „Das ist ganz einfach: Wenn die Polizei sagt, da war eine Straftat, da steht dann dahinter, es war ein Iraner; oder ein Grieche“, erläuterte Reul seinen Plan, wobei ihm vermutlich das Unterbewusstsein den Iraner als aktuell schlimmsten Moslem soufflierte, während es den Griechen gleich hinterherflüsterte, damit, politisch korrekt, auch noch ein christlicher Europäer dabei ist (wenngleich ein griechisch-orthodoxer), an den man sich seit der von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble so heldenhaft bekämpften Euro-Krise freilich als suspekten Charakter erinnert.

Ist das nicht eine geniale Idee? An ihr wäre lediglich zu bemängeln, dass sie noch nicht differenziert genug ist. Nehmen wir an, der letzte Überfall wurde von keinem Ausländer, sondern von einem Deutschen begangen – müsste dann nicht wenigstens festgestellt werden, ob es sich vielleicht (wahrscheinlich!) um einen im Ausland geborenen Deutschen handelt? Oder wenn doch um einen in Deutschland geborenen Deutschen, dann vielleicht einen mit Migrationshintergrund (was in der Regel bereits ein ausreichender Grund ist), beispielsweise den Sohn eines türkischen Ehepaars? Und selbst wenn schon die Eltern in Deutschland geboren wurden, könnten sie noch von der ersten Generation anatolischer Gastarbeiter abstammen … Die Differenzierung würde also recht eigentlich den Nachweis deutscher Abstammung bis ins sechste, siebte, achte Glied erfordern. Sonst könnte sich die nordrhein-westfälische Landesregierung erneut dem Vorwurf der Höcke-Partei aussetzen, mit ausländischen Kriminellen gemeinsame Sache zu machen.

Ohnehin wäre einer echten Differenzierung erst Genüge getan, wenn nicht nur die wahre Nationalität, sondern auch die Religion des Straftäters vermerkt würde, etwa ob es sich um einen syrischen Moslem oder einen syrischen Christen handelt – das könnte für die Statistik ja von Belang sein. Oder ob der Straftäter Jude war! Denn dies zu verschweigen, wäre nur wieder Wasser auf die Mühlen der Antisemiten.
Bei unserem gegenwärtigen Hang zu vollständiger Ausdifferenzierung dürfte man aber selbst dabei nicht stehen bleiben. Will heutzutage nicht jede Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung bei ihrem höchsteigenen Namen genannt werden? Das muss also unbedingt angeführt werden! Ob der Missetäter trans war, hetero-, inter-, bi- oder mehr asexuell, ist von öffentlichem Interesse.
Und um allen Verschwörungstheorien vorzubeugen, muss auch das Blut des Verbrechers Erwähnung finden. Mit dem Blut ist das ja eine heikle Sache. Vermischungen reinen und unreinen Blutes können zur kollektiven Vergiftung eines ganzen Volkes führen – wie dem amerikanischen von Donald Trump. Und wenn Immigranten das Blut der Amerikaner vergiften, vergiften sie auch das deutsche, insbesondere wenn sie kriminell sind!
Die wissenschaftliche Aussagekraft von Schädelvermessungen wird zwar mittlerweile leider stark angezweifelt, doch auch hier muss man aufpassen, Höcke und Co. nicht ins offene Messer zu laufen. Als Anhänger des Tausendjährigen Reiches (das leider, laut einem seiner Parteikollegen, nur ein „Vogelschiss“ blieb), könnten sie die fehlenden Schädelmaße als Beweis dafür erachten, dass sich die Behörden noch immer schützend vor nichtdeutsche Straftäter stellen, vermutlich, um im Geheimen den Prozess der „Umvolkung“ weiterzutreiben – bis Deutschland nicht mehr von Deutschen, sondern nur noch Verbrechern fremdländischer Herkunft bewohnt wird.

Doch wenn wir schon an diesen Punkt gelangt sind, sollte Herr Reul seinem Herzen nun wirklich einen Stoß geben. Und mit ihm die anderen Innenminister sämtlicher deutscher Bundesländer. Immerhin hat uns Donald Trump darüber aufgeklärt, dass diese Immigranten-Verbrecher gar keine Menschen sind, sondern Tiere. Übernehmen wir nicht sonst alles von den Amerikanern? Also bitte sehr! In der Zeitung sollte in Zukunft stehen: Diese Straftat wurde von einem queeren muslimischen Tier aus Iran mit dem und dem Blutbild begangen! Jene von einem heterosexuellen christlich-orthodoxen Tier aus Rumänien mit Chromosomenanomalien – wobei eine weitere Klassifikation gewiss zweckmäßig wäre, etwa vom Nutztier über die wilde Bestie bis zum Ungeziefer.

Differenzierter geht es nicht! Und wenn erst Herr Reul und seine Kollegen ihren inneren Schweinehund überwinden und diesen Plan in die Tat umsetzen, ist der AfD auch der Wind aus den Segeln genommen, und wir haben von ihr gar nichts mehr zu befürchten!


Jan Koneffke, geb. 1960 in Darmstadt. wespennest-Redaktionsmitglied seit 2004. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin, lebte in Rom und pendelt heute zwischen Wien und Bukarest. Letzte Veröffentlichungen: Als sei es dein. Gedichte (2018), Die Tsantsa-Memoiren. Roman (2020), Dudek. Jugendroman (2023), Vulturii orbi / Die blinden Adler. Gedichte von Nichita Danilov, aus dem Rumänischen übersetzt von J.K. (2023), Im Schatten zweier Sommer. Roman (2024).

05.05.2024

© Jan Koneffke / Wespennest


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