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Wespennest Nr.182
Wespennest Nr.182

Zufall

Ist das Coronavirus zufällig aus einem chinesischen Labor entwischt oder hat es sich doch – zufällig – per Zoonose auf den Menschen übertragen? Egal wie die Antwort lauten wird, die Folgen eines Zufalls sind Notwendigkeiten. Im Schwerpunkt der Frühjahrsausgabe dreht sich alles um den offenen Moment, in dem etwas auch anders ausgehen könnte, jenen kurzen unentschiedenen Augenblick vor der Entscheidung, den Riss in der Kette kausaler Verknüpfungen, von dem manche sagen, es gebe ihn gar nicht.

Unzählig sind die Versuche, den Zufall zu berechnen, ihn zu kontrollieren, zu lenken, die Kontingenz des Lebens zu bewältigen, denn der Zufall ist als Schicksal ungerecht und ein Skandal. Für die Kunst jedoch ist er das Lebenselixier. Die Autorinnen und Autoren des Schwerpunkts behandeln daher auch die Frage, wie wir finden, was wir nicht gesucht haben, wie Neues entsteht oder zumindest Unvorhergesehenes in bildender Kunst, im Roman, im Feature und in der Fotografie.

Der griechische Gott Kairos trägt auf seiner Glatze nur eine einzige Stirnlocke, wer ihn an diesem Schopf zu fassen kriegt, gewinnt das Glück des Augenblicks. Kairos hat Flügel an den Füßen, im Nu ist er vorbei.

Außerhalb des Schwerpunkts hingegen ist nichts dem Zufall überlassen: Mit Japan-Berichten in Comicform, eigensinnigen Wiener Capriccios, dem Reisetagebuch Joseph II u.a. beschäftigt sich der Buchbesprechungsteil, während die Strecke mit neuer Prosa und Dichtung um Fragen der Herkunft kreist – etwa als wilde Fantasie über den Ausgang eines DNA-Tests, mit Blick auf das qualvolle Innenleben eines Kinds und in Form dichterischer Aneignung der Bibelsprache Luthers.

Wespennest Aktuelles
Am 13. April 2022 verstarb die italienische Fotografin Letizia Battaglia, die als Chronistin der sizilianischen Mafia unser Bild von der Cosa Nostra geprägt hat – inszeniert als Szenen eines Stücks mit klar umrissenen Rollen. Florian Baranyi rückt der Theatermetapher in Zeiten von Krieg auf den Leib.

Die Welt ist eine andere geworden – und dreht sich doch weiter. Während Russland den Krieg gegen die Ukraine unentwegt anfacht und viele Menschen auf der Suche nach einem sicheren Ort ihre Städte und Dörfer verlassen, gehen wir hier unbeirrt unserem Alltag nach. Ist das zulässig? Und kann die Beschäftigung mit Literatur etwas zum Verständnis der Situation beitragen? Lukas Meschik ringt mit einem bekannten Diktum Thomas Bernards.

Reduktion ist in aller Munde: Die Hälfte essen, die Hälfte konsumieren, die Hälfte an Emissionen ausstoßen – und damit abnehmen, den Klimawandel aufhalten oder mehr in Einklang mit der Natur leben? Das Halbe natürlich kann es nur dort geben, wo vorher ein Ganzes war. Andrea Roedig plädiert für eine Kultur des Weglassens. Sie tut dies mit aller gebotenen Kürze und in entsprechend kompakter Form.

Peter Sloterdijk attestierte den Mitgliedern der Querdenker-Bewegung, wie „Figuren aus dem Spätmittelalter“ den „Weg in die Moderne und damit zu naturwissenschaftlicher Evidenz“ nicht mitgegangen zu sein. Aber wie konnten sie die Jahrhunderte überdauern und wo ihre Glaubenssätze konservieren? Jan Koneffke zufolge greift es zu kurz, sie jenseits der Moderne zu verorten und so zu beschreiben, als handle es sich um ein Phänomen am Rand.

|20.05.2021| Terminaviso: Vorstellung der aktuellen Ausgabe in der Alten Schmiede (Wien) am 24.06.2021

Unter dem Titel „Normalität und Ausnahmezustand - Ein Gespräch über die Güte von Normen und die Kurvenlandschaften der Krise“ wird die aktuelle Ausgabe des wespennest in der Alten Schmiede (Wien) vorgestellt. Jürgen Link, Ines Rössl und Carlos Watzka, die mit ihren Texten im Heft vertreten sind, sprechen mit Co-Herausgeberin Andrea Roedig über den Begriff der Normalität, ihre unterschiedlichen literarischen und wissenschaftlichen Zugänge zum Thema.

Donnerstag, 24. Juni 2021 um 19:30

Alle aktuellen Informationen zur Veranstaltung erhalten Sie unter www.alte-schmiede.at


Sieben Jahre und neunundzwanzig Hefte lang, von 1997 bis 2004, gehörte der deutsche Programmgestalter, Hörfunkautor und Bibliothekar Ludger Bült dem Kreis ständiger redaktioneller Mitarbeiter der Zeitschrift wespennest an, einem losen Zusammenschluss von Personen, die mit ihren Ideen, ihrer Urteilskraft und ihrem Bestreben, wespennest für neue Autorinnen und Autoren zu öffnen, wesentlich zum Gelingen dieser Zeitschrift beitragen. Im Februar dieses Jahres ist Ludger Bült 63-jährig gestorben. Jan Koneffke, wespennest-Redakteur seit 2004, erinnert sich an prägende gemeinsame Erfahrungen und Stationen.

Die US-Wahlnacht liegt hinter uns, aber das Ringen um die Gültigkeit eines Endergebnisses ist wie erwartet nach wie vor im Gange. Lukas Meschik versetzt sich zurück ins Jahr 2016, als er den Vorsatz fasste, sich von der Niedertracht des neuen Amtsinhabers nicht anstecken zu lassen. Aber ist das gelungen? Ein Plädoyer für das Kitten der Risse in uns selbst.

Taugt COVID-19 zum großen Roman? Es ist weder Pest noch Polio, sondern konfrontiert uns mit einem „kleinen Virus des Vielleicht“, wie Andrea Roedig konstatiert. Die Schreibwut jedenfalls sei ungebrochen, auch der Besitzer des Schreibwarenladens um die Ecke sagt, die Leute würden Stifte und Hefterl wie verrückt kaufen, es fehle lediglich der Nachschub aus China. Dabei gibt es mit Albert Camus’ Pest und Philip Roth’ Nemesis längst denkwürdige Seuchenliteratur.

Im März 2020 schließen EU-Mitgliedsstaaten wegen der Corona-Pandemie ihre Grenzen, im April 2020 schweigt die EU-Kommission weitgehend zu den ungarischen Ermächtigungsgesetzen. So viel ist bekannt. Und wie wird es weitergegangen sein? Vielleicht so: Im November 2020 droht Trump mit Bürgerwehren, sechs Monate später spricht der deutsche Bundestag einer von CDU, FDP und AfD gebildeten Regierung das Vertrauen aus – das und mehr skizziert Jan Koneffke in einem erschreckend glaubwürdigen Rückblick auf die Zukunft.

Wespennest Zeitschrift
Heft 181 |w181| Verzicht – das klingt nach Entbehrung und Krisenjahren. Doch solange wir es uns leisten können, auf etwas zu verzichten, ist die große Katastrophe noch nicht eingetreten.
Heft 180 |w180| Lange Zeit galt als „normal“, was „natürlich“ war, also der Ordnung von Natur oder Vernunft entsprechend. Doch was kommt jetzt? Was erwartet uns in der „neuen Normalität“?
Heft 179 |w179| Betrachtungen über Mehrsprachigkeit und Literatur, Mundartdichtung oder die Sprache des Rechts sowie persönliche Annäherungen an das Unbekannte «fremder» Sprachen.
Wespennest Vorschau
wespennest 183
Gefälscht
Preis: EUR 12.00;
erscheint am 07.11.2022

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