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Eigensinn
Bei den Brüdern Grimm findet sich die Fabel vom eigensinnigen Kind, das, nachdem Gott es schon mit dem Tod gestraft hatte, aus lauter Widerborstigkeit noch sein Ärmchen aus dem Grab herausreckte. Erst als die Mutter mit der Rute darauf schlug, zog sich auch dieser letzte Rest von Leben zurück, „und das Kind hatte nun Ruhe“. Ob Eigensinn als Laster anzusehen ist, hängt stark von den historischen Gegebenheiten ab und vom Kontext. Querulanz wird von der Umwelt meistens nicht geschätzt, gilt aber – je nachdem – doch als Tugend der Aufklärung, der Kunst oder des Widerstands.
Der wespennest-Herbstschwerpunkt 2026 stellt den mittlerweile altertümlich wirkenden Begriff auf den Prüfstand: Ist massenhafter Eigensinn möglich und wenn ja, wie absurd erscheint er in einer Welt algorithmisierter Follower? Gibt es echten und falschen Eigensinn, und auf welcher Seite des politischen Spektrums steht er heute? Mme Pelicot taucht in diesem Heft ebenso auf wie Mr. Trump und die Frage nach dem Zusammenhang von Eigensinn und Narzissmus. Nicht zuletzt stehen die Künste im Mittelpunkt, Francis Bacons Malerei etwa, schriftstellerische Selbstzensur und widerständige Helden der Literaturgeschichte. Ein kritischer Blick richtet sich auf den Podcast als eine vorgeblich heute allen genehme, vom Elitarismus befreite Form. Würdigung hingegen erfahren eigensinnige Erfinder wie Richard Trevithick, Isambard Kingdom Brunel oder Samuel Pierpont Langley. Dem Eigensinn werden – im Gegensatz zum Starrsinn – gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Grund genug, wieder über ihn nachzudenken.
Außerhalb des Schwerpunkts begibt sich das Heft u.a. mit Sigmund Freud auf die Akropolis, fragt am Beispiel Otto Neuraths, des empiristischen Wissenschaftsphilosophen und führenden Mitglieds des Wiener Kreises, nach der Relevanz von wissenschaftlichen Utopien und bringt in einem dritten Teil das ausführliche Porträt über Hans G Helms zum Abschluss, eine der „seltsamsten und eindrücklichsten Persönlichkeiten der Kunst- und Wissenschaftsszene der Nachkriegszeit“.
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Prozentzahlen können richtig und irreführend zugleich sein. Was eine Statistik aussagt, ist oft Anlass für ideologische Debatten. Was sie hingegen nicht aussagt, sollte außer Streit stehen. In Bezug auf die deutsche polizeiliche Kriminalstatistik etwa die Tatsache, dass diese grundsätzlich nur strafrechtlich relevante Sachverhalte aufführt, die der Polizei bekannt wurden. Juristisch sind diese damit noch nicht bewertet. Und: Staatsschutz- und Verkehrsdelikte sind darin ebenso wenig erfasst wie Finanz- und Steuerdelikte oder Straftaten, die außerhalb der Bundesrepublik Deutschland begangen wurden. Aufmerksame Leser:innen der Süddeutschen Zeitung haben in Bezug auf deren Berichterstattung zur kürzlich öffentlich gemachten aktuellen deutschen Kriminalstatistik die Journalist:innen ihres Blattes eindrücklich ermahnt, mehr relativierende Vorsicht bei der Interpretation von Prozentzahlen walten zu lassen. Von „verzerrungsfreier“ Auslegung weit entfernt ist – insbesondere in Vorwahlzeiten – aber auch so manche (partei)politisch motivierte Forderung nach mehr statistischer Differenzierung. Jan Koneffke ließ sich davon satirisch inspirieren und findet: Da geht noch mehr!
AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel stimmte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl am 19. September in Wien in dessen Ruf nach der „Allianz der patriotischen Kräfte“ ein. Die Erläuterung, wie eine solche Allianz bei der Europawahl im Juni 2024 die offenkundigen Widersprüche in der ultrarechten Auslegung des „Europas der Vaterländer“, einst Schlagwort Charles de Gaulles, überwinden wolle, blieben beide schuldig. Dass es allerdings zum Schaden der Rechten sei, wenn auch die alte Linke dem Nationalismus ein Lied singt, ist ein Fehlschluss, wie Jan Koneffke in einem Rückblick auf die Dogmen eines umtriebigen Bekannten seiner Jugendjahre festhält.
Der literaturhistorische Blick zurück mag der in einen Zerrspiegel sein. Und doch macht er gesellschaftliche Verhaltensweisen im Krisenfall sichtbar, dessen Symptome auf einen Nenner gebracht werden können: kapitalistische Produktion – brennen, bis nichts mehr bleibt. Ein Gegenentwurf, findet Florian Baranyi, müsste auf einen Stoff setzen, der sich nicht vernutzen lässt.
Mit frei verfügbaren Übersetzungsprogrammen lassen sich selbst komplexe Satzkonstruktionen beeindruckend – oder erschreckend – gut übertragen. Thomas Eder konfrontiert eine viel gelobte Software mit einem „Holzwegsatz“ des US-amerikanischen Linguisten Thomas Bever und zeigt gewitzt ihre Grenzen auf. Hat die humane Textproduktion also doch eine Zukunft?
Am 13. April 2022 verstarb die italienische Fotografin Letizia Battaglia, die als Chronistin der sizilianischen Mafia unser Bild von der Cosa Nostra geprägt hat – inszeniert als Szenen eines Stücks mit klar umrissenen Rollen. Florian Baranyi rückt der Theatermetapher in Zeiten von Krieg auf den Leib.
Die Welt ist eine andere geworden – und dreht sich doch weiter. Während Russland den Krieg gegen die Ukraine unentwegt anfacht und viele Menschen auf der Suche nach einem sicheren Ort ihre Städte und Dörfer verlassen, gehen wir hier unbeirrt unserem Alltag nach. Ist das zulässig? Und kann die Beschäftigung mit Literatur etwas zum Verständnis der Situation beitragen? Lukas Meschik ringt mit einem bekannten Diktum Thomas Bernhards.
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|w190| 1986 beschrieb Ulrich Beck die Risikogesellschaft. Wie hat sich der Umgang mit Gefahren seither verändert? Ein Heft zu Kriegsrisiko, Risiko im Spiel – und in der Liebe.
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|w189| Banco rotto – Unfall oder logisches Ziel der kapitalistischen Wirtschaftsweise? Über zerbrochene Banken und Bankrotterklärungen, die weit übers Ökonomische hinausragen.
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|w188| Von komplexen Systemen und Einfacher Sprache, von eingängiger politischer Kommunikation und dem Lesen komplexer Texte – und was das mit Demokratie zu tun hat.
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wespennest 192 Von rohen und anderen Stoffen: Chile, literarisch
Preis: EUR 14.00; erscheint am 06.05.2027
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