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Lena Brandauer
Mission accomplished!? Wie steht es um die Frauenquote in deutschsprachigen Literatur- und Kulturzeitschriften

Männerehre – die gegenwärtige mediale Auseinandersetzung um Ralf Bönts entehrtes Geschlecht erinnert einmal mehr daran, dass auch die Frage nach Geschlechterdifferenzen bevorzugt als eine von Sieg und Niederlage verhandelt wird, Täuschungsmanöver inklusive. Aus dem Blick gerät dabei, dass wir alle zur Wirklichkeitsbewältigung der Subjektivität bedürfen und dass die Möglichkeiten subjektiven öffentlichen Sprechens und Schreibens zwischen Männern und Frauen ungleich verteilt sind. Lena Brandauer fragt sich, warum die deutschsprachigen Kulturzeitschriften so wenige Essays von Frauen publizieren.

Die Piratenpartei proklamiert in Berlin das Zeitalter des „Postgender“, der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse beklagt die „Diskriminierung von Männern“, die Internet-Kolumnistin Birgit Kelle sieht die Frauenquote als Beschneidung der individuellen Freiheit. Frauenpolitischen Forderungen wird im gesellschaftlichen Diskurs nach wie vor wenig Wertschätzung entgegengebracht. Wer sich dafür einsetzt, sieht sich nicht selten harten Attacken ausgesetzt und wird schnell als „frustriert“ oder „Kampfemanze“ abgestempelt. Die stärkere mediale Diskussion von Frauenquoten in Deutschland und Österreich erweckt offenbar den Eindruck, die Gleichstellung sei bereits erreicht und habe sogar in eine Benachteiligung der Männer umgeschlagen. Aussagen wie die oben erwähnten ignorieren aber, dass – oft unbewusste – androzentrische Mechanismen nach wie vor bis in die tiefsten Schichten gesellschaftlichen Lebens reichen.

Auch Literatur- und Kulturzeitschriften sind davor nicht gefeit. Um das zu erkennen, genügt ein Blick auf die deutschsprachige Zeitschriftenlandschaft. Im entsprechenden Segment überwiegen die Veröffentlichungen von Männern deutlich. Besonders auffällig ist der Unterschied im essayistischen Genre. Während der Anteil weiblicher Urheberschaft bei fiktionalen Textsorten ungefähr ein Viertel beträgt, stammt in vielen essayistischen Zeitschriften und Dossiers häufig nur ein einziger, nicht selten sogar gar kein Beitrag von einer Frau.
Wie kommt es zu dieser Schieflage bei ansonsten in hohem Maße selbstreflexiven Kulturzeitschriften? Warum tritt sie bei essayistischen Texten noch eklatanter zu Tage?

Zum Teil liegt die Problematik sicher auf struktureller Ebene begründet. Die Herausgeberschaft vieler Zeitschriften befindet sich nach wie vor in Männerhand und die Arbeitsteilung in Redaktionen folgt meist traditionellen Mustern. Die administrativen Tätigkeiten im Hintergrund erledigen Frauen, die redaktionelle, nach außen hin sichtbare Arbeit wird von Männern geleistet. Dieser Umstand hat einen direkten Einfluss auf die Textauswahl. Ungeachtet der Tatsache, ob es bewusst oder unbewusst geschieht: Männliche Herausgeber bewegen sich vielfach in von Männern geprägten Netzwerken, die einen Einfluss auf ihren Wissens- und Wahrnehmungshorizont haben. Soll nun ein bestimmtes Thema behandelt werden, so ist die Wahrscheinlichkeit ungleich höher, dass die Wahl auf eine männliche Person fällt.

Eine der Ursachen für den spezifischen male bias bei essayistischen Schriften ist in deren Produktionsverhältnissen zu suchen. Trotz seinem hohen Prestige im literarischen Feld ist der Essay gemessen an der literarischen Gesamtproduktion ein marginalisiertes Genre. Literatur- und Kulturzeitschriften veröffentlichen weit mehr Erzählungen und Gedichte als essayistische Texte. Durch ihre prekäre Position zwischen literarischem und wissenschaftlichem Schreiben wird die essayistische Produktion häufig weder durch die Förderprogramme von literarischen noch von akademischen Einrichtungen unterstützt. Gleichzeitig verlangt essayistisches Schreiben aber eingehende Recherche und begriffliche Präzision. Qualität lässt sich nur mit dem nötigen zeitlichen Spielraum realisieren, der wiederum an ein bestimmtes Maß an finanzieller Unabhängigkeit gebunden ist. Da kaum eine Autorin und kaum ein Autor von der schriftstellerischen Tätigkeit allein leben kann, sind die meisten unter ihnen von staatlichen Subventionen und zusätzlichen Nebenjobs abhängig. Auf sie treffen dieselben Arbeitsmarktbedingungen zu wie auf die Arbeitnehmenden anderer Sparten, und diese sind für Frauen und Männer unterschiedlich. In den deutschsprachigen Ländern beträgt der Verdienstunterschied zwischen den Geschlechtern noch immer über 20 Prozent. Neben einem oder mehreren Teilzeitjobs übernehmen viele Frauen auch einen Großteil der familiären Aufgaben. Für Autorinnen ist es also nach wie vor schwerer den (zeit)ökonomischen Voraussetzungen des essayistischen Genres zu entsprechen.

Hinzu kommt eine geschlechtsbezogene Schieflage, die sich aus der Sprechsituation des Essays ergibt. Grammatisch gesehen ist die Sprechposition in der ersten Person, mit der in vielen Essays operiert wird, nicht geschlechtlich konnotiert. Das Pronomen „ich“ können Personen, die sich an einer sprachlichen Auseinandersetzung beteiligen wollen, ohne Einschränkung in Anspruch nehmen. Die grammatische ist aber von der kontextuellen Ebene nicht zu trennen. Eine der Gattungskonventionen des Essays ist, dass es sich dabei um die Äußerung eines empirischen, das heißt nicht-fiktionalen, Ich handelt. Dieses Ich ist nicht geschlechtsneutral, ihm wird das Geschlecht der Schreibenden aufgedrückt. Auch weitere gattungskonstitutive Merkmale essayistischen Schreibens wie die Form des öffentlichen Meinungsbeitrags und der Bezug auf ein gesellschaftlich relevantes Thema sind traditionell männlich konnotiert. Zusammengenommen können diese Umstände Auswirkungen auf das Eigen- und Fremdbild und in weiterer Folge auf die Textproduktion von Autorinnen haben. Offenbar traut das gesellschaftliche Umfeld und auch Frauen sich selbst nach wie vor weniger zu, öffentlich Stellung zu einem politischen Thema zu beziehen.

In Bezug auf Kulturzeitschriften ist die Umsetzung einer Frauenquote also keineswegs eine Forderung von Vorgestern, sondern nach wie vor aktuell. Wir brauchen gerechte, also ausgeglichene, Verhältnisse der Zusammenarbeit von Männern und Frauen auf allen Ebenen. Wir brauchen insbesondere mehr publizierende Essayistinnen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, dass sich RedakteurInnen und HerausgeberInnen der geschlechtsbezogenen Stereotype und blinden Flecken bewusst werden, die ihre Entscheidungen beeinflussen. Es ist notwendig, dass Autorinnen sich von gesellschaftlichen Zuschreibungen und Rollenbildern lösen und zu einem radikaleren essayistischen Ich finden. Die mediale Präsenz frauenpolitischer Themen kann einen wichtigen Beitrag zu diesem Bewusstseinsbildungsprozess leisten und Quotenregelungen stellen brauchbare Übergangslösungen dar. Zu wünschen wäre eine deutschsprachige Zeitschriftenlandschaft, in der die – von QuotengegnerInnen so oft zur Rechtfertigung für die Absenz von Frauen in öffentlichen Positionen angerufene – „Kompetenz“ von Frauen (in diesem Fall für den Essay) endlich deutlich sichtbar gemacht und gefördert wird.


Lena Brandauer, geb. 1983 in Klagenfurt. Studium der Germanistik und Genderstudies an der Universität Wien. Tätigkeiten bei der Zeitschrift Wespennest (seit 2008) und in der Galerie der LiteraturZeitschriften der Alten Schmiede (seit 2011).

02.05.2012

© Lena Brandauer / wespennest


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