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Alfred J. Noll
„So large is our malaise that no single writer can encompass it.“ Von der Unmöglichkeit sich einen Begriff von „Österreich“ zu machen

Verdunklungsrepublik, Urlaubsparadies, Brutstätte des Kindesmissbrauchs … Ist von Österreich die Rede, so überbieten sich nationale und internationale Medien gegenseitig mit pointierten Zuschreibungen. Je differenzierter man sich jedoch mit dem Begriff auseinandersetzt, desto schwieriger scheint es ihn festzumachen. Wovon sprechen wir hier eigentlich? Wie lässt sich die Vielzahl gelebter Realitäten eines Landes darstellen? Gibt es „Österreich“ überhaupt? Genau diese Problematik hat Alfred J. Noll in seiner ausführlichen Themenabsage für den Wespennest-Schwerpunkt in Worte gefasst.

Datum: Sun, 10 Jul 2011 20:28:35
Betreff: Österreich, wie es ist


Lieber Walter,

Österreich gibt es nicht – obwohl ich wirklich sehr brav gesucht habe. Und ich muss Dich deshalb ersuchen, mich vom zugesagten Artikel zu dispensieren.

An sich schien mir nichts leichter, als auf die gestellte Frage nach Österreich, wie es denn sei, zu antworten: Wir erinnern uns der wesentlichen Erkenntnisse von Marx’ politischer Ökonomie, rufen mit Unlust einige WIFO-Monatsberichte ab und sehen einen kapitalistischen Kleinstaat, der es seiner Leistungsbilanzüberschüsse wegen einigermaßen geschafft hat, eine sehr starke internationale Gläubigerposition aufzubauen. Die in der Nachfolge der internationalen Finanzkrise auch in Österreich einhergehenden Disziplinierungszwänge werden von einer Konsolidierungspropaganda begleitet, in der die eingetrübte Beschäftigungsperspektive demagogisch gegen die Gewerkschaften und die fiskalische Konsolidierungspolitik auch schon mal gegen das unmittelbare Profitstreben der Wirtschaft zum Einsatz gelangen.

Wie in anderen Ländern, so sind auch in Österreich die gesellschaftlichen Anpassungsleistungen sehr ungleich verteilt. Die Finanzmarktkrise trifft vorwiegend die abhängig Beschäftigten, die weitere Ausbreitung atypischer, oftmals prekärer Beschäftigungsformen ist gewiss. Die angebliche Tugend des Sparens wird für die Umverteilung und Verschlechterung der Lebensbedingungen in Städten und Gemeinden instrumentalisiert – und wo das derzeit noch nicht sichtbar ist, sitzen die Gemeinderäte vor einem nicht mehr zu bewältigenden Schuldenberg.

Es gibt nicht den geringsten Anlass zu glauben, österreichische Politik würde sich in Hinkunft daran machen, den europäischen Finanzmarktkapitalismus und die diesem eingeschriebenen Machtverhältnisse zu überwinden. Noch nicht einmal die bestehenden Möglichkeiten, diese Verhältnisse reformierend zu modifizieren, werden genützt oder auch nur für sie geworben. Bis auf weiteres wird es dabei bleiben, dass (international und national) die Gläubiger und Finanzvermögensbesitzer an den Kosten wirtschaftlicher Krisenprozesse nur marginal beteiligt werden. Die „Schuldenbremse“ wird weiter angezogen, das politische System bastelt sich hausbacken seinen „Magerstaat“ (Peter Bofinger) und radikalisiert auf solche Weise ein Politikmuster, das ein wesentlicher Bestandteil neoliberaler Politik war und ist. Der gravierendste Missstand, das Ausbleiben jeglicher Debatte über die Aufgaben der öffentlichen Hand, wird auf Dauer gestellt.

Vor diesem Hintergrund blühen an einigen Orten der Republik Praktiken der Gegenseitigkeit, die man nur als Korruption bezeichnen kann, und die diesem juristischen Stigma nur deshalb entkommen, weil man unentwegt bemüht ist, diesen Missbräuchen einen legalen Anstrich zu geben und sie zu vertuschen.

Nun lässt sich gewiss über die Verhältnisse in Österreich noch anderes (und auch Schönes) sagen. Und wir könnten vieles aufzählen, was in Österreich ist – aber damit ist noch keineswegs beantwortet, was österreichisch an den in Sichtweite geratenen Sachverhalten ist. Mit anderen Worten: In Österreich ist manches der Fall, aber wir gewinnen damit noch keinen Begriff von „Österreich“.

Österreich ist in seiner „zerstreuten Vollständigkeit“ (Lenin) nicht zu fassen; nicht das „Was?“ der Gegebenheiten und nicht das „Wie?“ der Verhältnisse. Wir müssten alle Berge, alle Täler, alle Flüsse und alle Menschen und alle sie kennzeichnenden Verhältnisse beschreiben, um dann …
Solch ein Versuch würde jeden Einzelnen von uns überfordern, unsere Lebenszeit ist begrenzt: „So large is our malaise that no single writer can encompass it“ (Harold Bloom). Aber solch ein Versuch wäre nicht nur vergeblich, er wäre überhaupt unmöglich: Die unendliche Mannigfaltigkeit der österreichischen Welt kann gar nicht geschildert, sie könnte nur auf den Begriff gebracht werden.

Die Totalität Österreichs („Österreich, wie es ist“) lässt sich nur in der Welt des Begriffs abbilden, denn nur in der Einheit des Begriffs könnte die ideelle Realität des Ganzen der zerstreuten Vollständigkeit der Menschen, Sachen und Sachverhalte gefasst werden – „Österreich“ gibt es nur als „absolute Idee“ (Hegel). Das ist so, weil „Österreich“ als Ganzes nicht als eine unendliche Summenreihe österreichischer Eigentümlichkeiten gedacht werden kann, sondern im Begriff von „Österreich“ als vorgängige Allheit all dessen, was als „österreichisch“ ins Visier gerät, immer schon vorausgesetzt wird. Die Endlichkeit unseres Verstandes, der nur als ein Moment im Ganzen des Weltprozesses auftritt, erlaubt leider gerade keine Erfahrung von „Österreich“ im Ganzen. Wer aber (Anton Wildgans und Robert Menasse eingeschlossen) hätte sich je einen zutreffenden Begriff von Österreich gemacht? Wir haben keinen Begriff von Österreich – und auch ich werde ihn schuldig bleiben.

Nota bene und ganz zum Schluss: jeder Begriff von „Österreich“ würde doch nur wiederum dazu dienen, uns von anderen abzugrenzen. Dazu habe ich gar keine Lust mehr. Wenn das kleine Österreich 1918 das „Verbrennungsprodukt der Donau-Monarchie“ war (so Walther Rode), dann ist es heute vielleicht gar nur noch der Restmüll des 20. Jahrhunderts ...

Liebe Grüße
Alfred


Alfred J. Noll, geb. 1960 in Salzburg, lebt als Universitätsdozent, Rechtsanwalt und Publizist in Wien.


02.11.2011

© Alfred J. Noll / wespennest


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