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Jan Koneffke
Politik in Zeiten der Liebe. Von Muammar al-Gaddafi bis Karl-Theodor zu Guttenberg

Diebe der Liebe. Nicht nur im Sprachgebrauch nahöstlicher Diktatoren, auch im Umfeld zahlreicher europäischer Politiker wie Silvio Berlusconi und Karl-Theodor zu Guttenberg haben Liebeserklärungen in Zeiten der Krise Hochkonjunktur. Die von der Politik in Anspruch genommene Liebe suggeriert ein intimes Verhältnis zwischen Regierung und Regierten und stärkt so ihre Anbindung ans Volk. Jan Koneffke nimmt in unserer neuen Netzkolumne „wespenstiche“ einige Spuren dieser als Liebe getarnten Gewaltbeziehung auf.

Dass sich Diktatoren gerne darauf berufen, von ihrem Volk geliebt zu werden, hat eine lange Tradition. Manche von ihnen tun es sogar zu Recht. Der „geliebte Führer“ konnte sich auf die (hysterische) Zuneigung der Deutschen verlassen und musste sich schon selbst eine Kugel in den Kopf jagen, um dieser Liebesgeschichte ein Ende zu machen. Für andere, wie den „conducător iubit“, Nicolae Ceauşescu, kam das Ende hingegen völlig unerwartet. Dass die jubelnde Liebe der Massen in Wahrheit lange schon schwelender tödlicher Hass war, erkannte sein „Genius“ zu spät.

In diesen Tagen nun macht man sich im Westen um Muammar al-Gaddafi Sorgen, seitdem er in einem Fernsehinterview darauf bestand, weiterhin von seinen Landsleuten geliebt zu werden, und attestiert ihm „erschreckenden Realitätsverlust“. Dabei lässt sich aus einem anderen Zitat ersehen, dass Gaddafi den Ernst der Lage durchaus begriffen hat. Seine Aussage: „Wer mich nicht liebt, verdient nicht zu leben“, könnte als tragikomische Erpressung eines narzisstisch Gekränkten durchgehen, wenn sie nur nicht so mörderische Folgen hätte.

Nein, auch der berühmte Ausruf des Stasi-Chefs Erich Mielke vor der Volkskammer: „Aber ich liebe … ich liebe doch alle“, in den Tagen des Untergangs der DDR, war kein Anzeichen beginnenden Schwachsinns, wie die West-Medien vermuteten.
Überall dort, wo sie die Liebe für sich in Anspruch nimmt, suggeriert die Politik ein unmittelbares Verhältnis zwischen Regierung und Regierten, Herrscher und Beherrschten. An die Stelle vermittelnder Instanzen tritt die direkte Beziehung von Macht und Ohnmacht, Anmaßung und freiwilliger (oder erzwungener) Unterwerfung. Der gesellschaftliche Raum wird durch eine intime Nähe ersetzt, die so scheinhaft wie real ist.

In seinem Buch Exerciţiu de sinceritate (Exerzitium der Aufrichtigkeit) beschreibt der rumänische Schriftsteller und Psychiater Ion Vianu die Erfahrung dieser als Liebe getarnten Gewaltbeziehung wie folgt: „Wir waren krank von Ceauşescu. Es war eine Krankheit, die sich als Obsession manifestierte. Der Diktator war in unseren Gedanken immer gegenwärtig … er war der einzige Verantwortliche, der einzig Schuldige. Doch wenn sich etwas Gutes ereignete, wenn man eine Brücke einweihte oder eine U-Bahn-Linie, war irgendwo in einem Winkel seines Gehirns selbst sein größter Feind bereit anzuerkennen, dass man dies Ihm verdankte. Die Nation existierte nicht mehr, sie war nur ein Glied des Diktators. Und das Individuum wiederum war nur Knöchelchen dieses Glieds.“

In unserer medialen Gesellschaft ist die „Liebe“ gängige Münze und inflationär behauptetes Gefühl. Insofern erstaunt es wenig, wenn sich ein Medienzar wie der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi schon seit Längerem auf sie beruft und vorgibt, eine „Politik der Liebe“ zu betreiben, während die Opposition nur Hass verbreite. Es scheint immer noch Italiener zu geben, die ihm diese Behauptung abnehmen, obwohl mittlerweile auch der Letzte begriffen haben sollte, dass sich der Regierungschef unter Liebe wohl eher eine Bunga-bunga-Party vorstellt.

Aber war da nicht auch in Deutschland jüngst was mit der Liebe und der Politik? Jedenfalls wenn man dem Vater des über seine Copy-Paste-Affäre gestürzten Karl-Theodor zu Guttenberg Glauben schenkt, der sich auf einer von 4000 Teilnehmern besuchten Demonstration im bayrischen Guttenberg zur Unterstützung seines zurückgetretenen Sohnes mit den Worten bedankte: „Danke für Ihre Liebe“, und vom Ex-Verteidigungsminister ausrichten ließ: „Er schickt Ihnen sein Herz und verspricht Ihnen seine Treue, mehr hat er nicht gesagt.“

Mehr hat er wohl auch nicht zu bieten, der Karl-Theodor zu Guttenberg. Durch unverwechselbare politische Aussagen ist er jedenfalls nicht hervorgetreten. Er ist nicht einmal der smarte Rechtspopulist, der es mit einem Jörg Haider aufnehmen und die etablierten Parteien das Fürchten lehren könnte. Lediglich der Adels-, wenn schon nicht der Doktortitel, schien ihm wie auf den Leib geschneidert. Vor einem knappen Jahr sagte man dem beliebten Minister in einer Fernsehdiskussion genau das nach, was in Italien bereits seit 20 Jahren über Silvio Berlusconi als falsches Gerücht in Umlauf ist: Aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung sei er so unabhängig, dass er sein politisches Amt gewiss nicht zu eigennützigen Zwecken missbrauchen werde.

Guttenbergs Charisma war das Produkt eines inhaltsleeren Medieninteresses an seiner Person. Diesen Hype verstand er, gemeinsam mit seiner Frau, durchaus zu nutzen (man denke nur an seinen Talk-Show-Auftritt an der afghanischen Front). Immerhin setzte er sich – oder setzten die Medien ihn – derart überzeugend in Szene, dass ihm nach seinem Rücktritt mehr als eine halbe Million Fans auf Facebook und anderen Internetforen nachtrauerten. Ja, nicht wenige unter den Usern versicherten zu Guttenberg ihrer Liebe, ohne allerdings massenhaft für ihn auf die Straße zu gehen, wie sie es vollmundig versprochen hatten.

Der Wirbel um Karl-Theodor zu Guttenberg scheint ein Sturm im Wasserglas zu bleiben, doch das Bedürfnis nach charismatischen Politikern und Heilsbringern wächst unverkennbar. Und nicht nur das: Es wächst der Wunsch nach einer scheinbar „direkten Beziehung“, nach „intimer Nähe“ zum auserwählten politischen Idol. Doch verhalten sich die Liebesbeteuerungen zu denen in der Diktatur glücklicherweise noch immer wie das Plagiat zum Original.
Oder wie es Karl-Theodor zu Guttenbergs Vater einsichtig auf den Punkt brachte: „Auch mein Sohn ist keiner, der übers Wasser laufen kann.“


Jan Koneffke, geb. 1960 in Darmstadt. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin und verbrachte nach einem Villa-Massimo-Stipendium sieben Jahre in Rom. Heute lebt er als Schriftsteller und Publizist in Wien und Bukarest. Wespennest-Redaktionsmitglied seit 2004. Werke (Auswahl): Eine nie vergessene Geschichte (2008), Paul Schatz im Uhrenkasten (2000; als TB 2010). Der neue Roman Die sieben Leben des Felix Kannmacher erscheint im August 2011 bei Dumont.

14.03.2011

© Jan Koneffke / wespennest



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