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Wespennest Backlist
Ilija Trojanow
Vom diskursiven Notstand der bewohnten Welt

Wir mögen’s neuerdings wieder gerne schlicht. Je komplexer die Welt und ihre Probleme, desto simpler die Szenarien, die als Lösungen diskutiert werden. Mit Denken sollte das nicht verwechselt werden, meint Ilija Trojanow.

Das Denken in Dichotomien ist eine Vorstufe der Idiotie. Wer das bislang nicht erkannt hat, dem bietet die Gegenwart viel Anschauungsmaterial. Nehmen wir beispielsweise ein Thema, das in letzter Zeit für sehr viel Hysterie gesorgt hat: die sogenannte Flüchtlingskrise. Seit Längerem nun wird der Realität der aktuellen deutschen Politik ein entschiedenes Wunschdenken gegenübergestellt. Wer ein Jahr auf Weltraumreise gewesen sein sollte, für den könnte der herrschende Disput leicht zusammengefasst werden: Wir schaffen es, sagen die einen. Und was meinen die anderen? Wir schaffen es nicht.

Der öffentliche Diskurs ähnelt einem Schildbürgerstreich. Alle Beteiligten haben sich zum Hochsprung versammelt, eine neue Höhe ist aufgelegt worden und nun diskutieren die Anwesenden eifrig, ob diese Höhe zu schaffen sein wird. Und geraten sich in die Haare ob der scheinbar absurden Behauptung der einen Seite, die Höhe überwinden zu können, die entschieden zurückgewiesen wird von der anderen Seite, mit der scheinbar absurden Behauptung, diese Höhe sei unmöglich zu bewältigen, der Versuch würde zu allen möglichen Brüchen, vielleicht sogar zu einem Genickbruch führen.

Als Folge dieser holzschnittartigen Wahrnehmung der Welt werden schlichte Szenarien als Lösungen propagiert. Die Grenzen schließen etwa bedeutet tatsächlich, die Grenzen undurchlässig zu machen. Ob dies angesichts der weltweit existierenden „illegalen“ Migration überhaupt realisierbar ist, wird völlig außer Acht gelassen. Die Rückführung der Geflüchteten bedeutet tatsächlich, diese aus dem eigenen Land zu entfernen. Wie die Abschiebung von Hunderttausenden organisiert werden soll, wird nicht bedacht. Gegenwärtig sind weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht und der Diskurs hierzulande tut so, als ginge es darum, ob wir den Wasserhahn auf- oder zudrehen.

Oder nehmen wir den US-amerikanischen Wahlkampf. Die verständliche und notwendige Ablehnung des Widerlings Donald Trump hat dazu geführt, dass die Kandidatin Hillary Clinton im Handumdrehen (die liebste Technik der Dichotomiker) zu einer Lichtgestalt umfabuliert wurde. Kritische Berichterstattung oder gar Entlarvung ihrer höchst dubiosen politischen und wirtschaftlichen Machenschaften wird dämonisiert, wie zum Beispiel nach den jüngsten Enthüllungen von Wikileaks. Julian Assange wurde sogleich als Kryptorechter entlarvt und eine neue, höchst originelle Achse des Bösen konstruiert: Assange–Trump–Putin.

Wobei wir bei einem weiteren Jekyll-Hyde-Phänomen wären. Wladimir Putin. Den einen die größte Bedrohung des Weltfriedens, den anderen ein aufrechter Kämpfer für das Wohl eines erniedrigten Russlands. Wer mit einer Wünschelrute über die politische Landschaft wandelt, der ist völlig auf den Ausschlag derselben fixiert und nimmt darüber hinaus nichts wahr.

Es ist wie auf einer Wippe. Man nimmt auf der einen Seite Platz, die Wippe geht nach unten, man rührt sich nicht von der Stelle, man dient nur als Gegengewicht der anderen Seite, die genauso entschieden und bewegungslos verharrt. Es geht rauf und runter, immer wieder. Für die Beteiligten vielleicht ein Spaß, für alle anderen ein diskursiver Notstand.

Auch in der historischen Wahrnehmung führt dichotomisches Denken zu suboptimalen Resultaten. Wer öfter in die Verlegenheit kommt, über die weiterhin kaum aufgearbeitete Verbrechensgeschichte der kommunistischen Herrschaft zu diskutieren, wird feststellen, dass aus einem antifaschistischen Impuls heraus die stalinistische und poststalinistische Politik mit mildem Blick beäugt und größtenteils verharmlost wird. Wer gegen Hitler war, der muss gewürdigt werden. Und wer als Student mit Haut und Haaren und lauter Stimme für den Massenmörder Mao Tse-tung auf die Straße gegangen ist, der schmunzelt gnädig über seine einstige Verwirrung und warnt lauthals vor der Überfremdung des Vaterlandes. Denn eins ist gewiss, der Dichotomiker lernt das Denken nie.

Ilija Trojanow, geb. 1965 in Sofia, wuchs in Kenia auf und lebt heute in Wien. Werke (Auswahl): Der Weltensammler (2006), Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte (gem. mit Juli Zeh; 2009), EisTau (2011), Wo Orpheus begraben liegt (mit Fotografien von Christian Muhrbeck; 2013; alle bei Hanser), Der überflüssige Mensch (Residenz 2013), Macht und Widerstand (2015), Meine Olympiade (2016; beide bei S. Fischer).



3.11.2016

© Ilija Trojanow / wespennest


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