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Jan Koneffke
Tengelmann und die Verhältnisse

Eine „neue Bescheidenheit“ forderte vor einigen Jahren der Eigentümer der Tengelmann-Gruppe. Doch auch die politische Elite der Europäischen Union meint damit häufig die Verhältnisse der anderen. Jan Koneffke untersucht eine idiomatische Wendung und findet Mark Twains Geschichte „Die Eine-Million-Pfund-Note“.

Dass die griechischen Faulenzer jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben, gehört zum Repertoire deutscher Gewissheiten. Ohnehin weiß man schon seit Goethe, dass die Südländer „Naturmenschen“ sind, die es historisch versäumt haben, sich das protestantische Arbeitsethos einbläuen zu lassen. Seit Griechenland, Italien oder Spanien von der Schuldenkrise erfasst wurden, haben diese Gewissheiten Auftrieb erhalten. Dem gesunden Menschen- und Hausverstand leuchtet es unmittelbar ein, dass man nicht mehr konsumieren kann, als man erwirtschaftet, eine von den Mittelmeervölkern, die nur auf dolce vita aus sind, niemals verinnerlichte Regel.

Wie aber ist zu verstehen, dass selbst die fleißigen Deutschen nicht mehr sind, was sie mal waren, und, wie Studien für das Jahr 2013 belegen, weit über ihre Verhältnisse leben (sogar in der Bild-Zeitung kann man das nachlesen): Demnach geben 27,3 Prozent (der Deutschen) zu, 2013 mehr Geld ausgegeben zu haben, als sie sich eigentlich hätten leisten können. Jeder Fünfte rutsche dabei in die Miesen. Die Mutter der (deutschen) Nation wusste es längst. Bereits auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 mahnte Kanzlerin Merkel (hier stehe ich und kann nicht anders!), Deutschland habe seit Jahren über seine Verhältnisse gelebt. Eine Kernfrage der kommenden Wochen werde lauten: Wo können wir sparen?

Offenbar hat der südländische Virus auch im Norden längst um sich gegriffen. Wie sollen aber Eurozone und europäische Staaten insgesamt am deutschen Wesen genesen, wenn man auch zwischen Rhein und Oder über seine Verhältnisse lebt? Sicher, in Deutschland herrscht die Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit. Deshalb bekräftigte Merkel in der Debatte um den Haushalt 2014: „Jahrzehntelang hat der Staat über seine Verhältnisse gelebt, und damit machen wir Schluss.“ So hat man mit den vergangenen Sparhaushalten, die nur einer Minderheit wehtun (um die man sich nicht weiter scheren muss) für das Jahr 2015 angeblich eine schwarze Null erzielt.

Doch was nützt all das Mit-gutem-Beispiel-Vorangehen, wenn es so aussieht, als ob die verbockte Uneinsichtigkeit ein Phänomen ist, das nicht nur tiefer geht, sondern geradezu weltumspannend herrscht. Nicht nur Deutschland oder Europa, nein, die Menschheit insgesamt lebt beim Verbrauch der natürlichen Ressourcen weit über ihre Verhältnisse, wie Umweltaktivisten, ebenfalls seit Jahren, warnen.

Im Magazin für politische Kultur namens Cicero stellt Karl-Erivan W. Haub das elfte Gebot auf: „Du sollst nicht über deine Verhältnisse leben!“ und rät dazu, eine „neue Bescheidenheit“ zu erlernen. Der Mann muss es wissen: Immerhin ist er Besitzer, Geschäftsführer, persönlich haftender Gesellschafter und Chief Executive Officer (CEO) der Tengelmann-Gruppe. Das Vermögen von Haub und seiner Familie wird auf 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, womit der selbst ernannte Bescheidenheitsprediger zu den zweihundert reichsten Menschen der Welt gezählt wird. Man sollte sich an ihm ein Vorbild nehmen: Haub lebt bestimmt nicht über seine Verhältnisse – und kann es sich leisten, bescheiden zu sein.

Dabei muss man der EU zugutehalten, dass sie sich in der Vergangenheit durchaus darum bemüht hat, Menschen dazu zu bringen, unter ihren Verhältnissen zu leben. Beispielsweise durch Fischereiabkommen, die sie mit westafrikanischen Staaten schloss. Gegen gerechte Summen, die allerdings in die Taschen korrupter westafrikanischer Politiker fließen, fischt unsere Fangflotte die dortigen Meere leer. Für die einheimischen Fischer bleibt da nichts übrig, sie verlieren ihre Lebensgrundlage und leben weit unter ihren Verhältnissen, die es bereits an Bescheidenheit nicht vermissen ließen. Undankbarerweise machen sich einige von ihnen deshalb nach Europa auf, ein wahrer Flüchtlingstsunami, dessen letzte Ausläufer bis nach Dresden schwappen. Dass sie dort Panik auslösen, liegt vielleicht daran, dass die Wirtschaftsflüchtlinge von einst nur zu gut wissen, was aus ihnen geworden ist, seitdem sie über ihre Verhältnisse leben: Monster! (so der Dresdner Durs Grünbein über seine an den Pegida-Aufmärschen teilnehmenden Mitbürger). Und wenn diese Monster dann auch noch schwarze Muslime sind …

Bei all dem fällt mir die Geschichte „Die Eine-Million-Pfund-Note“ von Mark Twain ein. Der mittellose Amerikaner, der aufgrund einer Wette zweier britischer Gentlemen in ihren Besitz gelangt, lebt – im Schutz eines Geldscheins, den niemand wechseln kann – weit über seine Verhältnisse. Twain wusste bereits, dass (auch nur angeblicher) Reichtum wiederum Reichtum produziert, Armut hingegen nichts als Armut. Die Immobilien- und Finanzblasen, die vor sieben Jahren platzten und die Schuldenkrise erst auslösten, beruhten ihrerseits auf einer Wette. Vor dem Finanzkollaps hatte die Redewendung über seine Verhältnisse leben beileibe nicht die Konjunktur, die sie in den Jahren der auf ihn folgenden Rezession erlebte, eine wahre Hausse kollektiver moralischer Zerknirschung.

Doch wenn es die Verhältnisse sind, die geradezu danach verlangen, über ihnen zu leben? Wenn es weder ohne die Wettsummen an der Börse geht noch ohne die Verführung zum Konsum, von dem es wiederum abhängt, ob die Wirtschaft wachsen kann? In seinem Bescheidenheitsaufruf von 2009 wirft Karl-Erivan W. Haub den Unternehmen vor, auch sie hätten über ihre Verhältnisse gewirtschaftet, indem sie Kredite beanspruchen würden, die nicht ausreichend gedeckt seien. Mittlerweile suchen die zuständigen Finanzinstitutionen aber händeringend nach Mitteln und Wegen, die ängstlich (oder gar bescheiden?) gewordenen Banken zur Kreditvergabe zu bewegen. Denn sobald keine Eine-Million-Pfund-Noten mehr im Umlauf sind, scheint es mit der Reichtumsproduktion nicht mehr so recht voranzugehen.

Um den weisen Ratschlägen des Karl-Erivan W. Haub entgegenzukommen, sollten wir, die Masse der Verbraucher (bei 6,9 Millionen Deutschen unter uns, stellt Herr Haub tadelnd fest, reiche das Einkommen nicht aus, um fällige Zahlungsrückstände auszugleichen, und eine halbe Million Bürger sei akut insolvenzgefährdet), dem Bescheidenheitsimperativ vielleicht als erstes in den Läden der Tengelmann-Gruppe Folge leisten und nur noch gähnend leere Einkaufswagen zur Kasse schieben – oder sie gleich gar nicht mehr besuchen.

Übrigens weist der aufgeklärte Unternehmer in seinem Cicero-Beitrag darauf hin, dass Bescheidenheit im Islam „Teil des Verhaltenskodexes“ sei. „In einem Hadith heißt es: Sei bescheiden auf der Welt, so wird Allah dich lieben. Und sei gegenüber den Menschen bescheiden, so werden dich die Menschen lieben. Wie wäre es, wenn wir uns von diesen schon vor Tausenden von Jahren niedergeschriebenen Werten wieder stärker und aus freiem Antrieb leiten ließen?“ Was wohl das Dresdner Monster zu dieser Islamisierung des Abendlandes sagen würde?

Jan Koneffke, geb. 1960 in Darmstadt. Wespennest-Redaktionsmitglied seit 2004. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin und verbrachte nach einem Villa-Massimo-Stipendium sieben Jahre in Rom. Heute lebt er als Schriftsteller und Publizist in Wien und Bukarest. Werke (Auswahl): Paul Schatz im Uhrenkasten (2000; als TB 2010), Eine nie vergessene Geschichte (2008; als TB 2011), Die sieben Leben des Felix Kannmacher (2011; als TB 2012).

© 05.03.2015

Jan Koneffke / wespennest


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