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Andrea Roedig
Anachronismus der Doppelmoral

Ende September hat die Deutsche Bischofskonferenz offiziell ihren bislang umfassendsten Untersuchungsbericht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands vorgestellt. Im Vorfeld und auch im Nachgang gab es kritische Pressestimmen, dass der Bericht das wahre Ausmaß der Taten herunterspielt. Kann man sich über Heuchelei eigentlich noch aufregen?

Für Friedrich Nietzsche wäre das ein gefundenes Fressen gewesen, Wasser auf seine Mühlen: Eine Sklavenmoral nannte er das Christentum, eine aus Triebunterdrückung resultierende Religion der Schwäche, die ihren untergründig-gehemmten Hass bigott als Nächstenliebe ausgibt. „Kokette Wanzen“ und „Tragische Hanswürste“ nannte er die Priester und verhöhnte ihre „Gerechtigkeits-Tartüfferie der Impotenz“.
Man möchte Nietzsches Empörung teilen, wenn man heute im Bericht über Missbrauch in der katholischen Kirche liest, dass ein nicht unerheblicher Teil der Täter wenig Mitgefühl mit den Opfern zeigt und dass manche der Priester die sexuelle Verführung als eine „Prüfung Gottes“ ansahen, die sie leider nicht bestanden haben. Und wenn der Bericht belegt, dass Missbrauch prozentual öfter von zölibatär lebenden Priestern ausging als von verheirateten Diakonen, dass Psychologen als Motive der Taten Einsamkeit und unreife Sexualität attestieren, dass 62 Prozent der Opfer männlich waren, möchte man an die geschasste Theologin Uta Ranke-Heinemann und ihren Bestseller Eunuchen für das Himmelreich (1988) erinnern. Heinemann wetterte gegen verklemmte Sexualmoral, den Frauenhass der Kirche und hielt die männliche Monokultur katholischer Würdenträger für eine komplett homosexuelle Veranstaltung. Ausgerechnet.

Der Vorwurf der Bigotterie, der Scheinheiligkeit, folgt beim Katholizismus – wenn man so sagen darf – sicher wie das Amen in der Kirche. Er trifft durchaus zu, aber er ist auch auf eigentümliche Weise schal geworden. Denn die Dinge haben sich geändert. In Deutschland brach der Schutzwall spätestens 2010, als der Leiter des Berliner Canisius Kollegs mit seinen Enthüllungen an die Öffentlichkeit ging und gehört wurde. Viele der Einzeltaten bleiben im Dunkeln, aber das Grundsätzliche liegt offen zutage. Niemand kann mehr den massiven Machtmissbrauch in der Kirche leugnen, und selbst wenn die Bistümer ihre Akten nicht für Dritte öffnen und versuchen zu vertuschen, Beweise zu zerstören, so weiß man, dass sie es tun – öffentlich gemachtes Vertuschen ist kein wirkliches Verheimlichen mehr, sondern gleicht dem lächerlichen Versuch, sich in der Wüste hinter einem Busch verstecken zu wollen.

Österreich hatte seine Skandale schon viel früher, 1995 mit Kardinal Groer, und bereits 2002 gab die deutsche Bischofskonferenz Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch heraus. Eigentlich haben alle immer schon alles gewusst, auch die Öffentlichkeit, nur recht glauben wollte man nicht, was man wusste. „Doppelmoral“ zu rufen, Scheinheiligkeit anzuprangern, war wie ein Ventil: Wir wissen Bescheid, aber – gut österreichisch – „da kannst du nichts machen“. Die Empörung über Doppelmoral ist immer auch ein Stück weit systemstabilisierend.
Verbot, autoritäre Macht, Konvention – die Grundlagen der Doppelmoral – erodieren derzeit, oder verändern ihre Form. Verboten ist recht wenig vor allem was die Sexualität angeht; die Macht der Kirche ist zumindest in der westlichen Welt gebrochen; die Amtsautorität eines Geistlichen schützt nicht mehr; Konventionen sind nicht mehr in strengem Maß verbindlich. Dass mittlerweile Schwule und Lesben heiraten dürfen, katholische Priester aber nicht, klingt fast wie ein Witz und zeigt, wie weit die katholische Kirche entfernt ist vom Zeitgeist. Sie muss sich diesem Zeitgeist nicht andienen – von ihm lernen könnte sie aber allemal.

Es gibt nichts zu verstecken – das alte Spiel von Verbieten und Erlauben, von Vertuschen und Aufdecken hat in gewisser Weise ausgedient. Das Problem heute ist eher, dass so vieles offen zutage liegt, wir aber nicht wissen, wie wir darauf reagieren können. Auch wenn Verschwörungstheorien noch immer Liebhaber finden und alles Mögliche „geleakt“ werden kann und muss: Die Struktur von Macht funktioniert anders – gefährlich ist, was sich nicht versteckt.
Der Vorwurf der Scheinheiligkeit wirkt schal, weil die Doppelmoral selbst zu einem Anachronismus geworden ist. Das gilt nicht nur für die Kirche. Wenn Donald Trump lügt oder Facebook unser Freund sein will, kann von versteckter Doppelmoral nicht mehr wirklich die Rede sein. Schimpfen wir also auf die Priester als kokette Wanzen? Aber natürlich! Nietzsches Religionskritik scheint, wie die Kirche selbst, aus der Zeit gefallen. Schlimm ist, dass sie trotzdem noch trifft.

Andrea Roedig, geb. in Düsseldorf, promovierte im Fach Philosophie. Seit Mai 2014 Mit-Herausgeberin des Wespennest. Letzte Buchveröffentlichung: Bestandsaufnahme Kopfarbeit (gem. mit Sandra Lehmann; Klever 2015).

03.10.2018

© Andrea Roedig / wespennest


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